Die Twitter-Debatte zur #SBI nachgezeichnet, oder: Ein Nebenschauplatz der Kampagne in der Schweiz?

Am 25. November 2018 hat die Schweiz über die Selbstbestimmungsinitiative der SVP abgestimmt. Am Schluss hat der Vorschlag mit dem offiziellem Titel "Schweizer Recht statt Fremde Richter" nur knapp ein Drittel der Schweizer Stimmbevölkerung überzeugt, kein einziger Kanton hat für die Volksinitiative der SVP gestimmt (admin.ch, 2018).

Wie üblich bei solchen Abstimmungen wird im Vorfeld auf verschiedenen Wegen versucht, die Stimmbevölkerung mit der eigenen Botschaft zu erreichen. Dabei können Kampagnen teilweise in Millionen-Schlachten enden (Hermann 2012). Neu sind auch Facebook, Youtube, Instagram und Twitter in der politischen Kommunikation angekommen. In diesem Beitrag soll deshalb untersucht werden, wie die politische Debatte am Beispiel der Selbstbestimmungsinitiative - oder in Social Media-Slang #SBI - im Netz angekommen ist. Im Zentrum steht dabei Twitter. Anders als Whatsapp, Facebook oder Instagram können Tweets runtergeladen und ausgewertet werden, und diese Auswertung wird hier präsentiert.

Der Kurznachrichtendienst Twitter ist in der Schweiz zwar ein kleiner Player und hat mit ca. 920'000 NutzerInnen (IGEM 2018) eine kleinere Verbreitung als andere soziale Medien. Twitter ist aber sehr präsent in der Politik: viele politische Akteure haben ein Twitterprofil, gerade auch JournalistInnen sowie PolitikbeobachterInnen nutzen Twitter in der Schweiz.

Twitter während der #SBI

Obwohl Schätzungen von mehr als 900'000 Usern ausgehen, beteiligt sich nur ein Bruchteil davon aktiv an einer Debatte. Für diese Auswertung wurden per Schneeballsystem rund 2'500 Twitter-Accounts identifiziert, welche an einer Debatte zur #SBI beteiligt waren oder von anderen in diesem Kontext genannt wurden. Diese Accounts haben im Zeitraum von September bis November 2018 rund 750'000 Tweets abgesetzt.

Von diesen rund 750'000 Tweets können mindestend 81'000 Tweets einer politischen Debatte zugeordnet werden, und rund 63'000 Tweets beinhalten ein Stichwort, dass mit der #SBI zu tun hat. Dabei werden Text und #Hashtags der Tweets automatisch nach Stichwörtern durchsucht, welche zu diesem Zeitpunkt mit der Schweizer Politik in Verbindung gebracht werden können. Die grosse Menge an Daten und die automatische Zuordnung bringt allerdings eine Unschärfe mit sich: #SBI steht beispielsweise auch für die "State Bank of India", das Stichwort "Selbstbestimmung" kann auch in einem anderen Kontext verwendet werden, und spätestens als der Migrationspakt in rechten Kreisen für Aufruhr sorgte, finden sich auch Akteure aus dem nahen, deutschsprachigen Ausland im Datensatz.


2'500+
Twitterprofile
750'000+
Tweets
63'000+
#SBI-Tweets




Je näher der Abstimmungstermin kam, desto mehr wurde zur #SBI getwittert. Im letzten Monat waren etwa die Hälfte der Tweets, die mit politischen Themen zu tun haben, zur #SBI. Sehr gut lässt sich auch der Abstimmungstermin selbst erkennen: an keinem Tag in der Kampagne war auf Twitter mehr zur #SBI zu lesen als zu den Abstimmungsresultaten. Dies lässt sich wohl auch damit begründen, dass an diesem Tag viel mehr Akteure sich zur #SBI äussern, nicht nur die Pro- und Contra-Verfechter, sondern beispielsweise auch offizielle Accounts von Gemeinden und Kantonen sowie von JournalistInnen.

Interessanterweise schien Twitter für die SVP, Urheberin der #SBI, nicht zentral im Abstimmungskampf. Auf der Webseite der Kampagne wird nur für eine Facebook-Seite Werbung gemacht (mit rund 5'000 Likes). Der offizielle Account der SVP Schweiz unter dem Handle @SVPch hat in der Zeit der Kampagne auf Twitter insgesamt 136 Nachrichten abgesetzt, wovon 72% zur #SBI zugeordnet werden können. Viel stärker in die Debatte haben sich (Zürcher) Parteimitglieder eingebracht: Nationalräte Köppel und Zanetti sowie Kantonsräte Schmid und Truninger.

Anders auf der Gegnerseite: Einerseits haben verschiedene Accounts sich explizit mit der #SBI befasst, neben den Accounts der Nein-Kampagne @sbinein natürlich auch die Accounts der Allianz der Zivilgesellschaft / Schutzfaktor M sowie die Accounts der Gegner der Initiative, von den verschiedenen Parteien bis zur Operation Libero. Am aktivsten war @SchutzfaktorM mit 1'121 Tweets, wovon 96% automatisch der #SBI zugeordnet werden können.

Parteien haben sich - mit Ausnahme der SVP - seltener mit der #SBI beschäftigt, wahrscheinlich weil gleichzeitig noch zwei andere Abstimmungen stattfanden sowie die Bundesratswahlen aktuell waren. SP (32%), CVP (31%) und FDP (27%) sind somit weniger auf ein Thema fokussiert gewesen als beispielsweise die SVP.

Interessant ist auch die Vermischung mit anderen Debatten. Gleichzeitig während der Kampagne zur #SBI ist die Diskussion um den Migrationspakt aufgekommen. Die Diskussion darum (und die Kritik daran) hielt nicht an der Landesgrenze an. So zeigt sich, dass die Vermischung dieser zwei Themen besonders für die Unterstützer der #SBI rein zahlenmässig zu grösserer Aufmerksamkeit geführt hat. Die Tweets mit den grössten Interaktionszahlen ( Retweets und Favs) sind solche, welche sich mit dem Migrationspakt beschäftigen und so potentiell auch in Deutschland und Österreich auf Reaktionen stossen.

Ein Beispiel von Roger Köppel, der sich lautstark gegen Migrationspakt und für die #SBI ausgesprochen hat, und sich auch regelmässig zur Politik in Deutschland und Österreich äussert, wenn es um EU-Themen geht:


Themen und Resonanz

Allerdings schaffen es nur wenige Tweets über eine Resonanz von über hundert Retweets oder mehr als ein paar hundert Favs hinaus. Was allerdings nicht erstaunlich ist. Der US-Präsident als wohl bekannteste und umtriebigste Polit-Persönlichkeit auf Twitter hat rund 58 Millionen Follower und erhält regelmässig mehrere Tausend Retweets und mehrere Zehntausende Favs als Reaktion auf seine Tweets. Der bekannteste Schweizer Politiker auf Twitter ist Bundesrat @alain_berset, der auf gerade mal rund 103'000 Follower kommt.

Die Debatte zur #SBI auf Twitter ganz allgemein am stärksten antreiben vermag aber die SRF Arena. Am 19. Oktober war die Publikumsarena, am 9. November schliesslich die Abstimmungsarena: an keinen Tagen in der Kampagne (und dem Abstimmungstermin selber) gab es mehr Tweets mit dem Hashtag #sbinein, dem präsentesten Hashtag der Kampagne. Andere Themen vermögen kaum das #sbinein zu übertrumpfen - die #SBI war somit deutlich häufiger Thema auf Twitter als beispielsweise die Hornkuh-Initiative oder die Abstimmung zu Versicherungsspionen.

Ein sehr relevanter Aspekt sind dabei die Informationen, die innerhalb der 280 Zeichen eines Tweets mitgeschickt werden - beispielsweise Links zu ausführlicheren Dokumenten und Informationen. Insbesondere Zeitungsartikel sind dabei interessant. Wird der Ursprung eines Links angeschaut (die Domain), so sind NZZ, SRF und Blick die drei Medienhäuser, welche am häufigsten zitiert werden. Allerdings sehen wir auch, dass viele Links zu sozialen Medien führen, neben Twitter auch auf Youtube, Facebook etc. Der individuell am häufigsten zitierte Medienbericht ist dabei ein Artikel aus dem Blick.

Schliesslich stellt sich noch die Sprachenfrage. Durch das Sammelverfahren kann nicht garantiert werden, dass alle Tweets gesammelt wurden, welche mit der #SBI zu tun haben, oder dass irrelevante Tweets ausgeschlossen werden. Gerade bei den lateinischen Sprachen scheint entweder ein Datenproblem zu existieren, oder es wurde weniger häufig getwittert. Das Verfahren hat somit Verbesserungspotenzial - und zeigt mit den Sprachen und der Vermischung mit Tweets und Debatten aus dem Ausland die Unschärfe einer solchen Analyse auf.

Werden soziale Medien überschätzt?

Somit zeigt sich: die Debatte zu Abstimmungen wird immer noch über traditionelle Medien angetrieben, welche anschliessend eine Resonanz in der virtuellen Welt haben, beispielhaft illustriert an der Resonanz der SRF Arena auf Twitter. Allgemein kann festgestellt werden, dass in einer ersten, nicht abschliessenden Sammlung von Twitterern und Tweets insbesondere politische Personen in die automatische Datensammlung fliessen: PolitikerInnen, JournalistInnen, PolitikwissenschaftlerInnen. Hat Twitter - zumindest in der Schweiz - noch eine Nebenrolle in der politischen Meinungsbildung?

Ja und Nein. Ja, weil nicht die breite Bevölkerung auf Twitter mitzudiskutieren scheint, sondern es ein Kanal für Politikinteressierte ist, um sich auszutauschen. Nein, weil genau diese Nischenfunktion doch sehr relevant ist: wenn Twitter ein Kommunikationskanal für politisch aktive Personen ist, und es beispielsweise den Medien als Recherchetool dient, dann kann auch Twitter eine grössere Resonanz erreichen. Wenn Medien auf Twitter als Ressource zurückgreifen bedeutet das, dass Twitter für PolitikerInnen als Kanal in die Medien dienen kann, ähnlich wie Medienmitteilungen oder der direkte Kontakt mit JournalistInnen.

Twitter kann somit ein Instrument sein, um seine Botschaft zu verbreiten. Übernehmen die Medien schliesslich diese Botschaft, haben die Medien weiterhin den wichtigen Multiplikationseffekt, den sie traditionell haben. Twitter übernimmt in diesem traditionellem Muster aber eine wichtige Rolle: PolitikerInnen können direkt mit Medien kommunizieren, ohne Gatekeeper der Partei.